OpenAI sagt fünf Millionen US-Dollar für Mathematik-Initiative der Simons Foundation zu
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KI-gestützt erstellt 5 Quellen Originalmeldung: x.com Arbeitsweise
Das Wichtigste in Kürze
- OpenAI hat am 15. Oktober 2026 angekündigt, fünf Millionen US-Dollar für eine neue Initiative der Simons Foundation bereitzustellen, um die Mathematik-Community bei der Untersuchung und Weiterentwicklung KI-generierter Ergebnisse zu unterstützen [1].
- Die Fördermittel werden eigenständig von der Simons Foundation verwaltet und vergeben, um Workshops, Fachkonferenzen und spezielle Forschungsprogramme zu finanzieren [1].
- Zusätzlich zur finanziellen Zusage stellt OpenAI den von der Simons Foundation geförderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern direkten Zugang zu eigenen KI-Modellen und Rechenressourcen in Aussicht [1].
- Die Initiative adressiert ein vom Fields-Medaillenträger Terence Tao beschriebenes Kernproblem: KI-Systeme können zwar komplexe Beweise generieren und formal prüfen, liefern jedoch oft bis zu 100.000 Zeilen lange, intransparente Ableitungen ohne menschlichen Erkenntnisgewinn [2].
- Für Ingenieurwesen, Physik und industrielle Forschung entfalten mathematische Entdeckungen laut Fachleuten erst dann praktischen Nutzen, wenn sie menschlich durchdrungen, in Lehrbücher überführt und über interdisziplinäre Schnittstellen angewandt werden [2, 5].
// Inhalt · 7 Abschnitte
- Eckdaten der Förderung: Finanzmittel, Rechenleistung und unabhängige Vergabe
- Das Kernproblem KI-gestützter Mathematik: Beweisgenerierung ohne menschliches Verständnis
- Vom formalen Beweis zum Lehrbuch: Warum für Ingenieurwesen und Industrie die Kanonisierung zählt
- Auto-Formalisierung und digitale Recherche: Wie Forschende KI-Systeme praktisch einsetzen
- Brückenschlag in die Praxis: Potenziale für die angewandte Mathematik und interdisziplinäre Forschung
- Kompetenzverschiebung in Ausbildung und Wissensarbeit: Steuerung statt reiner Rechenleistung
- Strategische Einordnung für Unternehmen: Souveränität über Methoden und Standards
- Quellen
Eckdaten der Förderung: Finanzmittel, Rechenleistung und unabhängige Vergabe
OpenAI hat am 15. Oktober 2026 über die Plattform X bekannt gegeben, eine neue Initiative der Simons Foundation mit einem Betrag von fünf Millionen US-Dollar zu unterstützen [1]. Nach Angaben des KI-Unternehmens zielt dieser Beitrag darauf ab, Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz in ein tieferes menschliches Verständnis sowie in neue wissenschaftliche Entdeckungen innerhalb der Mathematik zu überführen [1]. Konkret soll das Programm Mathematikerinnen und Mathematikern dabei helfen, von KI-Systemen hervorgebrachte Resultate zu prüfen, inhaltlich zu durchdringen und wissenschaftlich auf ihnen aufzubauen [1]. OpenAI verweist in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf, dass dies auch Ergebnisse einschließt, die das Unternehmen selbst kürzlich veröffentlicht habe [1]. Welche spezifischen mathematischen Publikationen oder Modellgenerationen damit im Einzelnen gemeint sind, führt die Mitteilung von OpenAI allerdings nicht näher aus [1].
Für die organisatorische Umsetzung setzt OpenAI auf eine etablierte wissenschaftliche Förderinstitution: Die bereitgestellten Gelder werden vollständig von der Simons Foundation verwaltet und vergeben [1]. Mit dem Budget sollen insbesondere Workshops, Konferenzen und spezielle Programme ausgerichtet werden [1]. Ergänzend zu den direkten Finanzmitteln kündigte OpenAI an, den von der Simons Foundation unterstützten Forscherinnen und Forschern Zugang zu den eigenen KI-Modellen sowie zu entsprechenden Rechenressourcen (Computing Resources) zu gewähren [1]. Zum Zeitpunkt der Ankündigung durch OpenAI lag auf der offiziellen Webseite der Simons Foundation noch keine separate Pressemitteilung zu den genauen Vergabekriterien, Laufzeiten oder technischen Rahmenbedingungen der Rechenkontingente vor [1, 3].
Die Wahl des Partners verankert das Vorhaben in einem der wichtigsten privaten Fördernetzwerke für Grundlagenforschung. Die Simons Foundation verfolgt die Mission, die Grenzen der Forschung in der Mathematik und den Grundlagenwissenschaften voranzutreiben, wobei sich ihre reguläre Förderpraxis auf Mathematik und physikalische Wissenschaften, Biowissenschaften sowie Autismus- und Neurowissenschaftsforschung konzentriert [3]. Darüber hinaus betreibt die Stiftung das Flatiron Institute, zu dem unter anderem ein eigenes Zentrum für Computermathematik (Center for Computational Mathematics) sowie ein Zentrum für computergestützte Quantenphysik gehören [3]. Dort arbeiten Fachleute beispielsweise an massiven Geschwindigkeitssteigerungen für Supercomputer-Simulationen von Molekülen [3]. Zudem engagiert sich die Organisation über die Simons Foundation International gemeinsam mit XTX Markets und dem Siegel Family Endowment mit mehrjährigen Millionenbeträgen beim Ausbau der wissenschaftlichen Preprint-Plattform arXiv zu einer unabhängigen gemeinnützigen Organisation [3].
- Finanzvolumen: 5 Millionen US-Dollar, bereitgestellt von OpenAI [1].
- Mittelverwaltung: Unabhängige Steuerung und Vergabe durch die Simons Foundation [1].
- Förderzweck: Finanzierung von Workshops, Konferenzen und Spezialprogrammen zur Analyse KI-generierter Mathematik [1].
- Infrastruktur: Bereitstellung von Modellzugängen und Rechenkapazitäten für geförderte Forschende durch OpenAI [1].
Das Kernproblem KI-gestützter Mathematik: Beweisgenerierung ohne menschliches Verständnis
Um einzuordnen, warum OpenAI gezielt Mittel für das menschliche Verstehen bereits existierender KI-Ergebnisse bereitstellt [1], lohnt ein Blick auf die aktuelle Methodendebatte innerhalb der Mathematik. Künstliche Intelligenz hat in jüngster Zeit Aufgaben gelöst, die lange als außer Reichweite maschineller Systeme galten [2]. Ein prominentes Beispiel aus dem Umfeld von OpenAI wurde bereits im Vorfeld des Internationalen Mathematikerkongresses (ICM) 2026 diskutiert: Ein 23-jähriger Anwender nutzte ChatGPT, um das sogenannte Erdős-Problem Nr. 1196 – eine seit 60 Jahren ungelöste mathematische Fragestellung – in knapp über 80 Minuten präzise zu lösen [5].
Dass die bloße Lösung eines Problems durch ein Modell jedoch noch keinen nachhaltigen wissenschaftlichen Fortschritt garantiert, legte der Mathematiker Terence Tao von der University of California, Los Angeles (UCLA), im Juli 2026 auf dem ICM in Philadelphia dar [2]. Der Kongress, der 1897 begründet wurde und alle vier Jahre von der International Mathematical Union ausgerichtet wird, gilt als die bedeutendste Konferenz der Disziplin [2, 5]. Tao, der im Jahr 2006 mit der Fields-Medaille ausgezeichnet wurde, unterteilte das mathematische Problemlösen in seinem Vortrag „Mathematics in the Age of AI“ in mehrere aufeinanderfolgende Phasen [2].
In der ersten Phase geht es darum, einen mathematischen Beweis aufzustellen und formal zu verifizieren [2]. Auf diesem Gebiet sind moderne KI-Systeme laut Tao bereits recht leistungsfähig: Große Modelle liefern oft tragfähige Beweiskandidaten oder entscheidende Ideen, während spezialisierte Systeme selbst sehr lange und verflochtene Beweise streng auf ihre formale Korrektheit überprüfen können [2]. Das strukturelle Defizit tritt erst in der zweiten Phase zutage, in der Menschen den gefundenen Beweis bewerten und erklären müssen [2].
Die Intransparenz von 100.000-Zeilen-Beweisen
Tao wies darauf hin, dass die Forschung mittlerweile mit maschinell gestützten Beweisen im Umfang von 100.000 Zeilen konfrontiert sein kann, die zwar verifiziert werden müssen, die aber kein Mensch mehr inhaltlich nachvollzieht [2]. Selbst diejenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die ursprünglichen Prompts zur Generierung solcher Beweise eingegeben haben, verstehen das resultierende Konstrukt unter Umständen nicht mehr [2]. Nach Taos Einschätzung reicht es für die Wissenschaft nicht aus, Beweise lediglich zu generieren und formal zu bestätigen; sie müssen so gut erklärt werden, dass sie innerhalb der Fachgemeinschaft kommuniziert und verstanden werden können [2].
In der Vergangenheit mussten Mathematiker den Entstehungsprozess nicht gesondert betonen, da die Ergebnisse für sich selbst sprachen und nur über menschliche Gedankengänge erreichbar waren [2]. Diese implizite Gewissheit endete jedoch in dem Moment, in dem es gelang, Ergebnisse ohne den zugehörigen Erkenntnisprozess zu automatisieren [2]. Da aktuelle KI-Werkzeuge hinsichtlich ihres Lösungsweges äußerst intransparent (opaque) agieren, fehlt der Kontext, warum ein bestimmter Ansatz funktioniert hat und welche Versuche gescheitert sind [2]. Genau an dieser Schnittstelle – dem nachträglichen Untersuchen, Verstehen und Weiterentwickeln von KI-Ergebnissen durch menschliche Fachleute – setzt die von OpenAI finanzierte Initiative der Simons Foundation an [1].
Vom formalen Beweis zum Lehrbuch: Warum für Ingenieurwesen und Industrie die Kanonisierung zählt
Für Sie als Verantwortliche in technologieorientierten Unternehmen, der industriellen Forschung oder im Ingenieurwesen stellt sich die Frage, welche praktischen Konsequenzen diese erkenntnistheoretische Debatte der Mathematik hat. Terence Tao liefert hierfür in seiner Analyse der dritten und vierten Phase mathematischer Problemlösung eine präzise Erklärung [2]. Wenn niemand einen KI-generierten Beweis versteht, sinkt die Wahrscheinlichkeit drastisch, dass das Ergebnis die dritte Stufe erreicht: die Akzeptanz durch die Fachgemeinschaft [2]. Ein erfolgreiches mathematisches Resultat zeichnet sich dadurch aus, dass andere Fachleute seinen Wert erkennen und es für ihre eigene Arbeit nutzen wollen [2].
Ohne Verständnis und Akzeptanz bleibt einem Ergebnis schließlich auch die vierte und höchste Stufe verwehrt, die Tao als Kanonisierung (canonicalization) bezeichnet – also der Einzug des Wissens in reguläre Lehrbücher [2]. Erst in diesem Zustand wird abstrakte Mathematik für andere Disziplinen und die Wirtschaft breit nutzbar [2]. Tao betonte hierzu, dass Ingenieure oder Physiker, die ein mathematisches Teilgebiet für ihre Zwecke einsetzen wollen, nicht die neuesten Forschungsarbeiten in hochspezialisierten Fachzeitschriften wie den Annals of Mathematics durchforsten [2]. Sie benötigen aufbereitete Lehrbücher und konsolidierte Theorien, da sich die wertvollsten praktischen Anwendungen der Mathematik überhaupt erst dann erschließen, wenn dieser Reifegrad erreicht ist [2].
Zugleich besteht eine fundamentale Rückkopplung zwischen dieser menschlichen Strukturierungsarbeit und der Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz selbst. Ein wesentlicher Grund dafür, dass KI-Modelle heute in der Mathematik so erfolgreich agieren, liegt laut Tao darin, dass Menschen über Jahrhunderte hinweg kanonische Definitionen, ausgereifte Theorien und Lehrbücher aufgebaut haben, auf denen die Systeme nun aufsetzen [2]. In der analytischen Betrachtung zeigt sich damit ein klares Risiko für daten- und modellgetriebene F&E-Abteilungen: Wenn KI-Systeme zwar korrekte Einzelresultate liefern, die menschliche Fachwelt diese aber nicht mehr zu übergeordneten, lehrbaren Konzepten verdichtet, stagniert der Transfer in das angewandte Ingenieurwesen ebenso wie die Wissensbasis künftiger Modellgenerationen.
Auto-Formalisierung und digitale Recherche: Wie Forschende KI-Systeme praktisch einsetzen
Während auf der Makroebene über das Verständnis komplexer Beweise diskutiert wird, verändern KI-Werkzeuge und Beweisassistenten bereits heute den operativen Forschungsalltag. Ein zentrales Arbeitsfeld ist die sogenannte Auto-Formalisierung (auto-formalization), bei der KI-Systeme kanonisches mathematisches Wissen in maschinenprüfbaren Programmcode übersetzen [5]. Dieses Thema, das bereits auf dem ICM 2022 große Aufmerksamkeit erhielt, stand auch im Juli 2026 im Mittelpunkt eines Plenarvortrags von Alex Kontorovich, Mathematiker an der Rutgers University und Mitglied im strategischen Beirat des Beweisassistenten Lean [5].
Kontorovich argumentiert, dass eine breitere Schicht von Forschenden KI-Systeme umso schneller für neue mathematische Entdeckungen nutzen kann, je rascher das bereits bekannte mathematische Wissen von Menschen und KI gemeinsam formalisiert wird [5]. In seiner eigenen Arbeit nutzt Kontorovich entsprechende Software unter anderem zur Absicherung komplexer algebraischer Berechnungen [5]. Anstatt eine fehleranfällige Rechnung auf dem Papier fünfmal per Hand durchzuführen, bis zweimal dasselbe Ergebnis erscheint, übernimmt die Software die unmittelbare Verifikation, dass eine der Berechnungen korrekt ist, was den Zeitaufwand für manuelle Nachprüfungen eliminiert [5].
Darüber hinaus fungieren große Sprachmodelle in der Wissenschaft zunehmend als hochspezialisierte Referenzbibliothekare [5]. Vasiliy Neckrasov, Doktorand an der Brandeis University, setzt KI regelmäßig in seiner Forschung ein, wenn er nach mathematischen Aussagen sucht, die seiner Intuition nach wahr und bereits bekannt sein müssten, ihm aber nicht präsent sind [5]. Durch hinreichend detailliert formulierte Prompts liefert die KI laut Neckrasov oft weit mehr als eine klassische Stichwortsuche: Das System präsentiert Hilfssätze (Lemmata) in abweichenden Formulierungen, die über bloße Keywords nicht auffindbar gewesen wären, aber exakt die gesuchte wissenschaftliche Lücke schließen [5].
- Auto-Formalisierung: Übersetzung etablierter mathematischer Theorien in maschinenverifizierbaren Code wie im System Lean [5].
- Fehlervermeidung: Einsatz von Software zur sofortigen Verifikation komplexer algebraischer Terme statt mehrfacher manueller Nachberechnung [5].
- Semantische Fachrecherche: Auffinden anders formulierter Lemmata durch detailliertes Prompting jenseits klassischer Stichwortsuchen [5].
Brückenschlag in die Praxis: Potenziale für die angewandte Mathematik und interdisziplinäre Forschung
Über die reine Beweisführung und Recherche hinaus eröffnet künstliche Intelligenz neue Wege, um theoretische Modelle in wirtschaftliche und wissenschaftliche Anwendungsfelder zu übertragen. Über das vergangene Jahrhundert hinweg bestand ein großes Ziel der Mathematik darin, interdisziplinäre Verbindungen zu anderen Wissenschaften herzustellen [5]. Dieser Transfer scheiterte in der Praxis jedoch häufig daran, dass reine Mathematiker und Fachleute anderer Disziplinen völlig unterschiedliche Fachsprachen sprechen [5].
Wie KI diese Sprachbarriere überwinden kann, zeigt ein Praxisbeispiel von Robert Ghrist, Associate Dean an der University of Pennsylvania [5]. Im Jahr 2024 befragte Ghrist einen KI-Agenten, in welchem Bereich sich eine bestimmte mathematische Abstraktion anwenden ließe, woraufhin das System Finanznetzwerke (financial networks) vorschlug [5]. Ghrist arbeitete sich daraufhin ein Jahr lang in dieses Fachgebiet ein und veröffentlichte schließlich eine wissenschaftliche Arbeit in dieser Domäne [5]. Auf Basis dieser Erfahrung prognostiziert Ghrist eine potenzielle Renaissance der angewandten Mathematik: Reine Mathematiker, die tiefgehende Domänenexperten für abstrakte Strukturen sind, erhalten mit der KI einen Gesprächspartner, um ihre Ideen mit realen Problemstellungen zu verknüpfen [5].
Dass dieser interdisziplinäre und innermathematische Fortschritt trotz leistungsfähiger digitaler Werkzeuge weiterhin auf den persönlichen menschlichen Austausch angewiesen ist, unterstreicht die Struktur der neuen OpenAI-Simons-Initiative, die explizit physische und kollaborative Formate wie Workshops und Konferenzen fördert [1]. Alex Kontorovich betont in diesem Kontext, dass spontane persönliche Begegnungen – etwa bei täglichen Teerunden in Universitätsinstituten oder beim zufälligen Aufeinandertreffen auf Konferenzen wie dem ICM – Forschungsprozesse auf eine Weise anstoßen, die sich in orchestrierten digitalen Abläufen nicht reproduzieren lässt [5].
Kompetenzverschiebung in Ausbildung und Wissensarbeit: Steuerung statt reiner Rechenleistung
Die Integration leistungsfähiger KI-Modelle in mathematische Prozesse verändert nicht nur die Spitzenforschung, sondern stellt auch neue Anforderungen an die Ausbildung von Nachwuchskräften und das Kompetenzprofil in analytischen Berufen. In einem am 9. Oktober 2026 veröffentlichten Fachwebinar der Bildungsorganisation Art of Problem Solving (AoPS) analysierte Kathy Cordeiro, Head of Family Experience bei AoPS, warum mathematisches Denken in einer von KI geprägten Arbeitswelt unverzichtbar bleibt [4]. Ihre zentrale These lautet, dass Karrieren künftig nicht diejenigen belohnen werden, die versuchen, schneller als eine Maschine zu rechnen, sondern jene Fachkräfte, die das Denkvermögen entwickelt haben, maschinelle Ergebnisse gezielt zu steuern, kritisch zu bewerten und qualitativ weiterzuentwickeln [4].
Um diese Urteilskraft aufzubauen, ist laut Cordeiro die eigene geistige Auseinandersetzung mit ungelösten Problemen zwingend erforderlich: Das Feststecken bei einer Aufgabe, das eigenständige Durcharbeiten und das schließliche Erkennen der Schlüsselidee sind kein ineffizienter Umweg beim Mathematiklernen, sondern der eigentliche Kern des Kompetenzerwerbs [4]. Da es keinen Kompressionsalgorithmus für menschliches Lernen gibt und KI lediglich die bereits vorhandene menschliche Intention verstärkt („AI amplifies intent“), darf der Lösungsweg im Lernprozess nicht vorschnell durch Automatisierung übersprungen werden [4].
Gleichzeitig kann KI im Bildungsbereich administrative Hürden abbauen und Lernprozesse individualisieren. Während Doktorand Vasiliy Neckrasov KI nutzt, um im Lehrbetrieb verschiedene Varianten von Übungsblättern oder Prüfungen zu erstellen, die glatte Zahlenwerte ergeben, erforscht Florence Gabriel an der Adelaide University in Australien die emotionale Dimension des Lernens [5]. Als Senior Research Fellow am Centre for Change and Complexity in Learning weist Gabriel darauf hin, dass KI-Systeme so gestaltet werden können, dass sie anhand der Eingaben von Lernenden Anzeichen von Frustration oder nachlassendem Engagement frühzeitig erkennen [5]. Auf diese Weise lässt sich beispielsweise Mathematikangst (mathematics anxiety) gezielt durch unterstützende Rückmeldungen abfedern, während der Fokus auf den spezifisch menschlichen Fähigkeiten der Disziplin erhalten bleibt [5].
Strategische Einordnung für Unternehmen: Souveränität über Methoden und Standards
Betrachtet man die Ankündigung von OpenAI [1] im Gesamtkontext der wissenschaftlichen Debatte [2, 4, 5], ergeben sich für Unternehmen und Forschungseinrichtungen mehrere strategische Implikationen. Zunächst verdeutlicht das Förderprogramm, dass selbst führende Modellentwickler anerkennen, dass die bloße Bereitstellung von KI-Outputs für komplexe analytische Domänen nicht ausreicht [1]. Wenn OpenAI fünf Millionen US-Dollar investiert, damit Mathematiker die von KI produzierten Resultate untersuchen und verstehen können [1], unterstreicht dies, dass die Nachvollziehbarkeit und Übersetzungsleistung durch menschliche Domänenexperten der eigentliche Engpass der Wertschöpfung ist [1, 2].
Zugleich berührt die Kooperation zwischen OpenAI und der Simons Foundation die Frage nach der institutionellen Unabhängigkeit und den Spielregeln beim KI-Einsatz. Terence Tao forderte die mathematische Gemeinschaft auf dem ICM 2026 nachdrücklich dazu auf, bei der Integration von KI selbst die Initiative zu ergreifen und die Führung zu übernehmen, anstatt lediglich passiv zu reagieren [2]. Die Fachwelt müsse ihre Ziele und Werte in Bezug auf Problemlösung, Ausbildung und Publikationskultur selbst definieren und dürfe sich die Regeln dessen, was akzeptabel ist, nicht von externen Akteuren vorschreiben lassen [2].
Chancen und Abhängigkeiten von Infrastruktur-Kooperationen
Vor diesem Hintergrund weist die Architektur der neuen Initiative zwei Seiten auf. Einerseits wahrt die vollständige Verwaltung und Vergabe der Fördergelder durch die Simons Foundation die wissenschaftliche Autonomie bei der Auswahl der geförderten Workshops, Konferenzen und Programme [1]. Andererseits beinhaltet das Paket das Angebot von OpenAI, den geförderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern direkten Zugang zu den eigenen Modellen und Rechenkapazitäten zur Verfügung zu stellen [1].
Für die akademische Forschung – ebenso wie für industrielle F&E-Abteilungen, die auf externe KI-Infrastrukturen zurückgreifen – entsteht dadurch ein Spannungsfeld: Der Zugang zu hochskalierter Rechenleistung und proprietären Spitzenmodellen beschleunigt zwar die Arbeit an komplexen Problemen [1, 5], bindet die methodische Exploration jedoch eng an die Plattformen einzelner Technologieanbieter. Für Ihre eigene KI-Strategie im Unternehmen lässt sich daraus ableiten, dass der Einsatz generativer und formaler KI-Systeme in Forschung, Entwicklung und Engineering zwingend durch eigene Prozesse zur menschlichen Validierung, Dokumentation und Wissenskanonisierung flankiert werden muss, damit aus automatisierten Berechnungen belastbares und langfristig nutzbares Organisationswissen entsteht [2, 4].
Quellen
- [1] We want to support the mathematics community in turning progress in AI into deeper human understanding and new discoveries. To support that goal, we are contributing $5 million to a new Simons Foundation initiative to help mathematicians examine, understand, and build on results produced by AI, including the results we recently published. The funding, managed and awarded by the @SimonsFdn will support workshops, conferences, and special programs. We will also provide access to our models and com — https://x.com/OpenAI/status/2110741355739963884 (abgerufen am 2026-10-15)
- [2] Watch: Fields Medalist Terence Tao on Artificial Intelligence and Why We Do Math — https://www.simonsfoundation.org/2026/08/13/fields-medalist-terence-tao-on-artificial-intelligence-and-why-we-do-math (abgerufen am 2026-10-15)
- [3] Advancing Research in Basic Science and Mathematics | Simons Foundation — https://www.simonsfoundation.org/ (abgerufen am 2026-10-15)
- [4] Why does math still matter in a world of AI (Full Webinar) - YouTube — https://www.youtube.com/watch?v=fevNszONc4A (abgerufen am 2026-10-15)
- [5] AI Will Be Top of Mind at ICM, Math’s Biggest Conference – Simons Foundation — https://www.simonsfoundation.org/2026/05/04/ai-will-be-top-of-mind-at-icm-maths-biggest-conference (abgerufen am 2026-10-15)
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