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Die digitale Revolution hat längst auch die Geisteswissenschaften erreicht, und Künstliche Intelligenz (KI) erweist sich zunehmend als ein mächtiges Werkzeug zur Erschließung historischer Dokumente. Ein besonders faszinierendes Anwendungsfeld ist die Entschlüsselung von Chiffren und Geheimschriften, die über Jahrhunderte hinweg in Archiven und Bibliotheken verborgen lagen. Jüngste Erfolge, insbesondere bei der Entzifferung von Schriften aus der Vatikanischen Bibliothek, unterstreichen das transformative Potenzial dieser Technologie.
Schätzungen zufolge sind etwa ein Prozent aller Materialien in weltweiten Archiven und Bibliotheken ganz oder teilweise verschlüsselt. Diese Dokumente reichen von diplomatischen Berichten über private Korrespondenzen bis hin zu medizinischen Aufzeichnungen und den Ritualen geheimer Gesellschaften. Die Komplexität dieser Chiffren variiert erheblich. Während einige auf einfachen Substitutionssystemen basieren, nutzen andere komplizierte Verfahren mit irrelevanten Symbolen oder sogar erfundenen Schriftsystemen, um eine Entschlüsselung zu erschweren. Hinzu kommt oft die Schwierigkeit, die Originalsprache zu identifizieren, was den Prozess ohne technische Unterstützung extrem zeitaufwendig macht.
Ein prominentes Beispiel für die Anwendung von KI in diesem Bereich ist die Entschlüsselung der sogenannten Borg-Chiffre, einem über 400 Jahre alten Manuskript aus der Vatikanischen Bibliothek. Dieses 408 Seiten umfassende Buch war durch eine Kombination aus 34 einzigartigen Symbolen, einigen lateinischen Buchstaben und einer arabischen Titelseite verschlüsselt. Forschende des multinationalen Descrypt-Projekts setzten maschinelles Lernen, Transkription und große Sprachmodelle ein, um diese komplexe Geheimschrift zu entschlüsseln. Das Ergebnis ist eine Mischung aus medizinischen Rezepten und Passagen zu "Brandwaffen", was die Vielseitigkeit und die potenziellen Inhalte solcher historischen Dokumente verdeutlicht.
Die Entschlüsselung historischer Chiffren mittels KI umfasst mehrere Schritte. Zunächst werden die Manuskripte digitalisiert, oft durch hochauflösende Scans. Anschließend kommen spezialisierte KI-Modelle zum Einsatz, die darauf trainiert sind, Textblöcke und einzelne Zeichen zu erkennen und zu transkribieren. Diese Modelle lernen aus großen Datensätzen von historischen Schriften und können so selbst stark verschliffene Handschriften oder ungewöhnliche Symbole interpretieren. Die Plattform Transkribus ist ein Beispiel für ein solches Tool, das bereits bei der Entzifferung von Dokumenten wie einem geheimen Brief des Adligen Sigismund Heusner von Wandersleben aus dem Jahr 1637 erfolgreich eingesetzt wurde.
Die Vorteile der KI liegen in ihrer Fähigkeit, große Mengen an Daten in kurzer Zeit zu verarbeiten und Muster zu erkennen, die für das menschliche Auge schwer zu identifizieren wären. Dies beschleunigt den Prozess der Transkription und Entschlüsselung erheblich. Kryptologin Cécile Pierrot, die sechs Monate benötigte, um einen dreiseitigen Brief von Kaiser Karl V. manuell zu entschlüsseln, betont, dass KI diesen Prozess von Monaten auf Tage reduzieren kann.
Trotz der beeindruckenden Fortschritte stößt die aktuelle KI noch an ihre Grenzen, insbesondere bei Manuskripten, die völlig neuartige Zeichen, astrologische Symbole oder sehr unkonventionelle Schriftsysteme verwenden. In solchen Fällen ist weiterhin die Expertise von Kryptologen und Historikern unerlässlich, um die KI-Ergebnisse zu validieren und in den historischen Kontext einzuordnen. KI-Systeme können historisch unsichere Kontexte mitunter falsch interpretieren, weshalb ein nachvollziehbarer Prüfprozess unabdingbar ist.
Das Descrypt-Projekt, an dem Forschende wie Beáta Megyesi und Michelle Waldispühl beteiligt sind, arbeitet an der Entwicklung noch anpassungsfähigerer KI-Modelle. Diese sollen auf einer breiteren Palette von Schriften, Alphabeten und Symbolrepertoires trainiert werden, um auch die komplexesten Chiffren erfolgreich zu knacken. Das Ziel ist es, Methoden zu entwickeln, die Forscherinnen und Forschern in vielen verschiedenen Fällen helfen können, und nicht nur einzelne historische Rätsel zu lösen.
Die Entschlüsselung dieser bislang unlesbaren Texte hat das Potenzial, unser Verständnis der Geschichte grundlegend zu erweitern. Sie kann neue Einblicke in politische Intrigen, militärische Strategien, medizinische Praktiken und das Alltagsleben vergangener Epochen bieten. Die Entdeckung von kuriosen Rezepten oder geheimen Heilmitteln in der Borg-Chiffre zeigt, wie KI dazu beitragen kann, bisher unbekannte Facetten der Geschichte ans Licht zu bringen und die Erzählung vergangener Zeiten möglicherweise neu zu schreiben. Die Rolle der KI als Partner in der historischen Forschung wird in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter an Bedeutung gewinnen.
Bibliographie
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